Thomas Quasthoff (unten) und Michael Frowin (oben) freuen sich auf die Veranstaltung am 20. März 2016 im Audimax Hildesheim

17.03.2016

„Ich bin eine Rampensau!“


Im HAZ-Interview erinnert sich Thomas Quasthoff an seine Jugend in Hildesheim, erzählt von Lust an Sprache und der Liebe zu seiner Ehefrau.

HAZ: Bei der Anfrage für dieses Interview haben Sie gesagt: „Mit Hildesheim immer!“ Gibt es da noch Verbindungen?

Quasthoff: Ich hab meine Kindheit und meine Jugend in Hildesheim verbracht. Das ist schon ein Stück Zuhause. Auch wenn mich in meinem jetzigen Leben nichts mehr mit Hildesheim verbindet. Heute wohnen Freunde wie Christian Berkel und die Hälfte der Berliner Philharmoniker wie ich in Zehlendorf. Aber es war schön, behütet in Barienrode aufwachsen zu dürfen.

HAZ: Wie erinnern Sie die Zeit auf dem Andreanum?

Quasthoff: Ich war kein guter Schüler. Aber wenn ich heute die Allgemeinbildung bei den Schülern sehe, da waren wir 1979 anders aufs Leben vorbereitet, als wir die Schule verließen. Aber es war eine schöne Zeit, weil ich ab der 6. Klasse im Chor und in der Andreaskantorei singen durfte.

HAZ: Gab’s Ärger mit Lehrern?

Quasthoff: Das Andreanum war schon eine gute Schule. Aber auch da gab es Menschen, die mich nicht mochten. Ich erinnere mich an einen Chemie- und Erdkundelehrer, der mir gesagt hat: „Aus Ihnen wird nie was.“ Als ich irgendwann ein Konzert in Hahnenklee gab, lief er dort auf und ich hörte immer nur Herr Professor hier und Herr Professor da. Da hab ich ihm gesagt: „Sie mochten mich als Schüler nicht, ich mochte Sie nicht als Lehrer. Nur weil ich jetzt einen Titel hab, müssen Sie mir nicht in den A... kriechen.“

HAZ: Keine positiven Erinnerungen?

Quaszhoff: Doch. Es gab immer Menschen, die mich unterstützt haben. Intendant Pierre Leon, der hat mich Kleinkunst auf der Studiobühne und im großen Saal machen lassen. Auch im Thav habe ich erste Erfahrungen machen dürfen. Ich hab mich immer ausprobieren können. Das war okay.

HAZ: Wie hat der Weggang Sie verändert?

Quasthoff: Ich bin seit 30 Jahren weg, hab lange in Detmold gelebt, seit 2004 in Berlin. Da wird man schnell auch im Kopf aus dem kleinbürgerlichen Ambiente befreit. Ich stamme aus einer Beamtenfamilie, mein Vater hat viele Jahre lang versucht, aus mir und meinem Bruder erfolgreiche Christdemokraten zu machen. Ist allerdings leider gescheitert (lacht). Der Horizont erweitert sich mit den eigenen Aufgaben. Berlin ist mir künstlerischer Impuls.

HAZ: Inwiefern?

Quasthoff: Ich besuche nicht nur gern Konzerte, klassisch und Jazz, und Ausstellungen. Ich bin ein großer Kino-Gänger, auch wenn mein dicker Popo oft nicht in die Sitze passt. Ich spiele inzwischen auch beim Berliner Ensemble, habe gerade einen Hüsch-Solo-Abend dort rausgebracht, mache viele Lesungen. Wer Kunst und Kultur liebt, für den ist Berlin eine der spannendsten Städte, die es in Europa gibt.

HAZ: Was hat der Ruhm mit Ihnen gemacht?

Quasthoff: Ich bin auf jeden Fall weit davon entfernt, arrogant oder überheblich zu sein. Dann wäre ich auch nach zwölf Jahren nicht mehr mit meiner Frau zusammen. Das hasst sie. Was in drei Jahrzehnten in meinem Leben alles passiert ist... Ich hab die ganze Welt sehen dürfen und mit den größten und tollsten Dirigenten gespielt. Da wird man allerdings gelassen.

HAZ: Sie haben Lied, Oratorium, Oper und Jazz gesungen. Jetzt dirigieren Sie auch noch und spielen Kabarett.

Quasthoff: Dirigieren, das war nur ein Mal. Ich hab nicht mit klassischem Gesang aufgehört, um genauso viel als Dirigent zu arbeiten. Das ist mir zu anstrengend. Ich war 38 Jahre als Musiker permanent in der Welt unterwegs, bin zwischen New York, San Francisco, Moskau und Brasilien hin und her gejettet. Heute ist die USA nicht mehr dabei. Die Distanzen sind kürzer geworden und ich bin nicht mehr drei Wochen am Stück, sondern vier Tage weg. Ich hab nicht geheiratet, um mein Leben im Hotelzimmer zu verbringen. Irgendwann ist die Familie dran. Ich liebe meine Frau sehr.

HAZ: Sie haben ja früher schon Kabarett gemacht ...

Quasthoff: Na, das war eher Kleinkunst, ein Mix aus Text und Songs.

HAZ: Auf jeden Fall hat Kabarettist und Autor Michael Frowin Sie ins Boot geholt.

Quasthoff: Es macht mir Spaß, mit Worten umzugehen, anspruchsvoll zu unterhalten und sehr nah am Publikum zu sein. Bei Jazz ist das ähnlich. Bei Klassik ist man die hehre Kunstfigur, alles ist steifer und an die Etikette gebunden. Beim Kabarett kann man auf Zwischenrufe reagieren und in verschiedene Rollen schlüpfen.

HAZ: Hilft Ihnen da Ihre Stimmausbildung?

Quasthoff: Ich hab generell Spaß, mit Stimmen umzugehen. Jetzt kommt auch noch das Schauspielerische hinzu. Ich wollte sehen, ob ich das kann.

HAZ: Die Texte stammen nicht von Ihnen.

Quasthoff: Aber ich habe viel korrigierend dazu beigetragen. Ab September sind wir mit einem neuen Programm unterwegs. Es trägt den Titel „Two and a half Men“ und ist eher ein kabarettistisches Bühnenstück als die szenische Aneinanderreihung wie in „Keine Kunst“.

HAZ: Bezieht sich der Titel darauf, dass Sie keine Kunstfigur sind?

Quasthoff: Nein, wir beschäftigen uns humorvoll und kritisch mit dem Kunst- und Kulturbetrieb. Das ist unterhaltsam, derbe, vielleicht auch flach. Kommt auf den Geschmack an. Die Kritik war meist positiv.

HAZ: Und was ist das Fazit: Haben Sie das Zeug zum Kabarettisten?

Quatshoff: Ich besitze 30-jährige Berufserfahrung. Ich bin eine Rampensau. Selbst ohne Konzept kann ich das Publikum anderthalb Stunden unterhalten. Das kann man nicht lernen. Das hat man – oder man hat es nicht.

Interview: Martina Prante

„Keine Kunst“ ist der Titel des Kabarettprogramms, mit dem Thomas Quasthoff, Michael Frowin mit Jochen Kilian am Flügel am Sonntag, 20. März, 20 Uhr, im Audimax der Uni auftreten.